Dem Holz-Carpaccio auf der Spur

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Dem Holz-Carpaccio auf der Spur

Dem Holz-Carpaccio © IFN, Möhring Gruppe
Produktionsbesichtigung in einem der größten Furnierwerke Europas. © IFN, Möhring Gruppe

Schälen, Spitzen, Schneiden – um an die wirklichen Filetstücke eines Stammes zu kommen, muss man sich gehörig anstrengen. Dass Furnier in allen Lebenslagen und Alltagssituationen begeistern kann, war mir schon seit einiger Zeit klar. Dass aber auch die „Filetierung“ des Rohstoffs Holz selbst - also der Entstehungsprozess von Furnier - beeindruckt, war mir neu.

Text: Alexander Kohl

Furnier boomt. Handycovers, Strohhalme, Kaffeebecher sogar Bankomat- und Hotelschlüsselkarten werden bereits hergestellt … aber nicht nur der Ersatz für Plastikgebrauchsutensilien befeuert den Markt: Immer mehr Endkunden bevorzugen das Carpaccio des Holzes auch im Möbelsektor gegenüber seinen bedruckten Mitbewerbern, da die Sensibilität für authentische und natürliche Oberflächenmaterialien steigt. Manche gehen sogar so weit zu behaupten, dass Furnier eine regelrechte Renaissance erlebt, wie etwa Ursula Geismann, Geschäftsführerin Initiative Furnier + Natur e.V. (IFN): „Als stetig nachwachsender und Kohlenstoffdioxid speichernder Rohstoff ist Holz und Furnier ein echter Hoffnungsträger in Zeiten des Klimawandels. Daher freut es uns sehr, dass in letzter Zeit Kunden wieder verstärkt die Faszination des Naturmaterials Furnier entdecken“, so Geismann.
Wie aber wird das Carpaccio des Holzes tatsächlich hergestellt?

Jeder Zentimeter zählt

Um dieser Frage nachzugehen, besuchte ich im Rahmen der diesjährigen IFN-Pressereise als Teil einer internationalen Gruppe von Branchen-Journalisten das IFN-Mitgliedsunternehmen Balti Spoon in Estland, nahe Tallinn. Neben Journalisten aus Deutschland und Österreich waren auch eine Vertreterin einer estnischen Tageszeitung sowie zwei Bloggerinnen aus Italien dabei. Bei der Werksbesichtigung unter der Führung von Edmund Smolarek, Geschäftsführer Balti Spoon und Vize-Präsident der Möhring Gruppe, bekamen wir einen umfassenden Einblick in die Furnierproduktion der Möhring Gruppe. Und staunten nicht schlecht.
Vor allem die Verschiedenartigkeit der Bearbeitungsformen des Rohstoffs Holz war beeindruckend. Ob geschält (ähnlich dem Bleistiftspitzen) oder geschnitten, mit niedersausenden Messern (die mittels Vakuumtechnik den Baumstamm trennen) – die Furnierproduktion ist ausgeklügelt und durchdacht. Eins aber wurde uns allen schnell klar: Jeder Zentimeter des Baums muss hier verwertet werden.
Das betonte auch Edmund Smolarek: „Wir müssen jeden auch noch so kleinen intakten Teil eines Baumstamms verwerten. Ansonsten lohnt sich dieser aufwendige und kostenintensive Prozess kaum.“ 34.000 Kubimeter Furnier-Rundholz wird dazu ausschließlich in den besten Wuchsgebieten in verschiedenen europäischen Holzarten aufgekauft.

Kunden in über 40 Ländern

Estland ist seit 1993 das Zuhause von Balti Spoon, als Karl Heinz Möhring, den Ort Kuusalu, nur 40 Kilometer von Tallinn entfernt, als Produktionsstandort ausgewählt hatte. Seit 1998 hat die Produktionskapazität von Balti Spoon dank der neuesten Technologien stark zugenommen. Zurzeit werden am Standort Kuusalu fast 350 Mitarbeiter beschäftigt. „Unsere Partner sind Möbelhersteller, Fenster- und Türhersteller, Furnierhändler und Vertreter von verschiedensten Bereichen, die Furniere in den lokalen und Auslandsmärkten einsetzen. Wir beliefern Kunden in über 40 Ländern“,
so Smolarek.
Die Gruppe gilt in der Region Nord-Osteuropa als der zentrale Experte für die Furnierherstellung. Kaum einer schafft eine derart hohe und effiziente Durchsatzquote. Und Die Möhring Gruppe ist auch kräftig am Expandieren: So hat Balti Spoon OÜ erst im März dieses Jahres den europäischen Betrieb erweitert und die Firma Bracia Mrozik in
Laszczow/Polen erworben. Die Produktion in Polen ist auf alle europäischen Arten spezialisiert, insbesondere auf Eiche, Buche, Esche und Erle.

Schälen und Messern

Hauptprodukt der Balti Spoon OÜ sind aber Birkenschälfurniere. Die Qualität ist durch eine konsequent helle Farbe und glatten Schnitt gekennzeichnet. In diesem Segment produziert das Werk auch einen Gutteil der Produktion für die schwedische IKEA-Gruppe.
Messerfurniere wiederum haben eine sehr elegante Struktur und werden normalerweise für hochwertige Möbel verwendet. „Wir messern Furniere hauptsächlich in Birke, Eiche, Buche, Esche, Kiefer, Lärche, Ahorn, Erle und Espe“, erklärte Smolarek. „Zusätzlich zu Rohfurnieren bieten wir neuerdings auch Fixmaßfurniere in kundenspezifischen Abmessungen an.“

Furnier-Highlights auf der interzum

Mit dieser Innovation war das Unternehmen Ende Mai auch auf der diesjährigen Möbelmesse interzum in Köln. Auch hier war laut IFN der Furnierboom deutlich sichtbar. „Wir konnten an unserem Stand viele interessante und angeregte Gespräche mit Besuchern aus der ganzen Welt führen und sehr erfolgreich für das Naturmaterial Furnier werben“, so das Resümee von Ursula Geismann.
Auf die Fachbesucher wie Einkäufer, Techniker, Architekten, Innenarchitekten und Designer warteten am IFN-Stand echte Highlights aus Furnier. Neben einer kürzlich ausgezeichneten, komplett aus Furnier gefertigten, ergodynamischen Liege konnten die Standbesucher auch einzigartige Furnier-Deckenplatten bestaunen. Insbesondere Besucher aus dem asiatischen Raum zeigten reges Interesse für die Lampen in Buchform mit einem Rücken aus Furnier, die über dem Stand von der Decke hingen. Schließlich sorgten auch der Furnierboden, ein Furnier-Säulen-Ensemble sowie eine Wand aus schallschluckenden Furnier-Paneelen für Begeisterung  und interessante Gespräche.

Furnierwirtschaft: Drehscheibe Deutschland

Das alles zeigt einen neuen Trend in Richtung Furnier – vor allem in Deutschland. In den vergangenen Jahrzehnten war der deutsche Furniermarkt noch durch dramatische Einbrüche in der Produktion, im Export und auch im Import gekennzeichnet. Von 2008 bis 2018 stabilisierte sich allerdings das Marktvolumen auf nunmehr 61,5 Millionen Euro. Im gleichen Zeitraum ging die inländische Produktion auf 49,1 Millionen Euro zurück. Die Exporte sanken ebenfalls. Deutschland entwickelte sich aber in den letzten beiden Jahrzehnten von einem starken Furnierproduzenten zu einer Handelsdrehscheibe für Furnier. Der größte Teil der deutschen Furniere wird inzwischen nicht mehr in Deutschland selbst produziert, sondern aus dem Ausland importiert.
Ein großer Teil der Furnierproduktion wurde in den letzten Jahren ins Ausland verlegt. Im Jahr 2018 importierte Deutschland Furnierblätter im Wert von 153,1 Millionen Euro. Die wichtigsten Ursprungsländer waren die USA mit 16,2 Millionen Euro, dicht gefolgt von Österreich mit 12,5 Millionen Euro.
Das Marktvolumen im Baltikum, Estland, Lettland und Litauen, ist in der Summe mit 40,5 Millionen Euro sehr hoch. Auffällig ist hier außerdem der hohe Wert von 41,5 Millionen Euro. den Estland im Export bei einem Produktionswert von 40 Millionen Euro, im Jahr 2017 erzielt. Furnier wird im Baltikum vor allem für Möbel weiter veredelt. Ein großes Volumen an Furnier geht aus Estland beispielsweise nach Litauen, von wo aus es zu Möbeln verarbeitet weiter exportiert wird.

Revival des Furniers

Furnier kann traditionell verwendet werden, aber auch beispielsweise mit personalisierter Oberfläche für den Ladenbau, bei dem die Furniere spezifisch bedruckt werden. Außerdem ist es heute möglich, besonders individuelle Oberflächen wie gebürstete, sägeraue, faserraue, wellig gehobelte und gehackte Optiken herzustellen. Selbst den ausgefallensten Kundenvorgaben sind daher kaum noch Grenzen gesetzt.
Das alles steht für ein Revival des Furniers, wie viele glauben und hoffen. Denn Furnier hat treue Fans, die leidenschaftlich und mit Herz am Werk sind. So auch Edmund Smolarek, der unsere beeindruckende Führung in die Welt der Furnierproduktion in seinem eigenen Büro beendet – natürlich komplett aus edlem „Birke Maser“ Furnier gefertigt – mit bewegenden Worten: „Wer sich einmal in Furnier verliebt, der liebt ein Leben lang.“

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